Der Kampf der Gegensätze

Eines der wichtigsten Dinge, die jeder Aspirant lernen muß, ist, die Astralebene zu verstehen, ihr Wesen zu begreifen und sowohl sich von ihr frei zu machen, als auch auf ihr zu arbeiten. Sie ist vor allen Dingen der Kampfplatz, auf dem der Streit ausgefochten wird, der schließlich mit der Erlösung der gefangenen Seele endet. In dem Augenblick, da ein Mensch auf der Astralebene „sehen“, Gleichgewicht erlangen und sich inmitten dieser Schwingungskräfte unerschütterlich festhalten kann, in diesem Augenblick ist er für die Einweihung bereit.

Wenn der Aspirant die Astralebene zum ersten Male mit dem „geöffneten Auge“ sieht, erscheint sie ihm wie ein dichter Nebel, als ein Durcheinander, voll wechselnder Formen, in Farben, die einander durchdringen und sich vermischen; Sie ist eine scheinbar undurchdringliche Unordnung, denn sie ist ja der Ort, an dem Kräfte aufeinandertreffen. Weil die Kräfte im Körper des Aspiranten ebenfalls in Unordnung sind, vermengt er sich mit dem ihn umgebenden Chaos in einem solchen Ausmaß, daß es der zuschauenden Seele zuerst fast unmöglich ist, ihren eigenen astralen Mechanismus von dem astralen Mechanismus der Gesamtmenschheit und dem astralen Mechanismus der Welt zu trennen.Es ist dann eine der ersten Aufgaben, die der Aspirant zu lernen hat, seine eigene Aura in emotionaler Hinsicht von derjenigen seiner Umwelt zu trennen; damit geht viel Zeit hin. Aus diesem Grunde ist eine der ersten erforderlichen Befähigungen für die Jüngerschaft das Unterscheidungsvermögen, denn durch die Verwendung des Verstandes als analytisches und sonderndes Werkzeug wird der Astralleib unter Kontrolle gebracht.

Die Astralebene ist vor allem die Ebene der zwiefachen Kräfte. Das erste, was der Aspirant wahrnimmt, ist die Dualität. Der wenig entwickelte Mensch ist sich einer Synthese bewußt, aber es ist die Synthese seiner materiellen Natur. Der hochgeistige Mensch weiß ebenfalls um eine Synthese, doch diesmal ist es die in seiner Seele, deren Bewußtsein das Bewußtsein der Einheitist. Aber dazwischen steht der unglückliche Aspirant, der sich vor allem der Dualität bewußt ist und zwischen den beiden Zuständen hin und hergerissen wird. Sein erstes Streben geht dahin, sich der Gegensatzpaare bewußt zu werden, und er erkennt die Notwendigkeit, zwischen diesen zu wählen. Weil er das Licht in sich entdeckt hat, wird er sich des Dunkels bewußt. Weil das Gute ihn anzieht, sieht er das Böse, das für ihn die Linie des geringsten Widerstandes ist. Infolge der Wirksamkeit des Schmerzes kann er sich Lust und Freude vorstellen und ihrer gewahr werden, und Himmel und Hölle werden für ihn zu Realitäten. Durch die Wirksamkeit des anziehenden Lebens seiner Seele erkennt er die Anziehungskraft von Materie und Form und wird gezwungen, den Drang und Zug beider anzuerkennen. Er lernt, sich als „zwischen den beiden großen Kräften hängend“ zu fühlen, und wenn er einmal die Dualitäten begriffen hat, dämmert es ihm langsam und sicher, daß der entscheidende Faktor im Kampf sein göttlicher Wille ist, im Gegensatz zu seinem eigensüchtigen Willen.

So spielen die zwiefachen Kräfte ihre Rolle, bis sie als zwei große Ströme göttlicher Energie erkannt werden, die nach entgegengesetzten Richtungen ziehen; der Mensch gewahrt dann die zwei Pfade. Der eine führt zurück in das bedrückende Land der Wiedergeburt, der andere durch das goldene Tor in die Stadt der freien Seelen. Einer ist also involutionärer Natur und verwickelt ihn in tiefste Materie; der andere führt ihn heraus aus der Körpernatur und läßt ihn schließlich seinen geistigen Körper erkennen, durch den er im Reich der Seele wirken kann.

Später, wenn er schon ein wahrer und verpflichteter Jünger ist, erkennt er den einen Pfad als den Pfad zur linken Hand, den anderen als den Pfad der rechten Wirksamkeit. Auf dem einen Pfade wird er in schwarzer Magie bewandert, die aus nichts anderem als den entwickelten Persönlichkeitskräften besteht, welche den egoistischen Absichten eines Menschen untergeordnet werden, dessen Beweggründe Eigennutz und weltlicher Ehrgeiz sind. Diese binden ihn an die drei Welten und verschließen das Tor, das sich zum Leben hin öffnet. Auf dem anderen Pfad unterordnet er seine Persönlichkeit und übt sich in der Magie der weißen Bruderschaft; er wirkt immer im Licht der Seele und mit der Seele in allen Formen und legt keinen Wert auf den Ehrgeiz des persönlichen Selbstes. Klare Unterscheidung dieser beiden Pfade offenbart das, was in einigen okkulten Büchern „der schmale, messerscharfe Pfad“ genannt wird, der zwischen den beiden liegt.

Das ist der „edle Mittelpfad“ des Buddha und bezeichnet die feine Grenzlinie zwischen den Gegensatzpaaren und zwischen den beiden Strömen, die er erkennen gelernt hat, dem einen, der hinauf zu den Toren des Himmels führt, dem anderen, der hinuntergeht in die unterste Hölle.

Wenn sich der Aspirant in den beiden Hauptwaffen Unterscheidungskraft und Leidenschaftslosigkeit übt, macht sich in ihm eine äußerst lebendige Kraft bemerkbar. Diese setzt schließlich das dritte Auge in Tätigkeit; so erreicht der Mensch eine Macht und eine klare Schau, die ihn die rechte Wahl treffen lassen und ihm einen schnellen, stetigen Fortschritt auf dem Wege ermöglichen.

Es wird uns gesagt, daß Macht in der Stille wächst oder sich entwickelt, und daß nur derjenige, der in seinem Kopf ein Zentrum des Friedens finden kann, wo sich die Pfade der körperlichen Kräfte und der einströmenden geistigen Fluten begegnen, wahres Unterscheidungsvermögen und jene Leidenschaftslosigkeit in rechter Weise ausüben kann, welche den beherrschten Astralkörper und Mentalkörper unter die Führung der Seele bringen.

Es muß immer folgendes bedacht werden: Wenn ein Mensch die Gegensatzpaare erkannt hat, wenn er die Kräfte seines eigenen Wesens im Gleichgewicht hält, wenn er den Pfad gefunden hat und selbst zum Pfade geworden ist, dann kann er mit den Weltkräften arbeiten und dasGleichgewicht der Energien in den drei Welten erhalten und so ein Mitarbeiter der Meister der Wahrheit werden.

Quelle: Alice A. Bailey/ Djwhal Khul in „Eine Abhandlung über Weiße Magie“