Der Empfindungskörper (Astralkörper)

Das Thema, das wir jetzt erörtern wollen, hat eine äußerst praktische Bedeutung, denn es betrifft den Astralkörper, den Körper, in welchem der Mensch vor allem polarisiert ist, und dessen er sich stärker als irgendeines anderen Körpers bewußt ist. Der Ätherkörper liegt ja wirklich unter der Schwelle des Bewußtseins. Die Menschen werden sich der diese Hülle durchströmenden Kräfte nicht bewußt und kommen der Erkenntnis am nächsten, wenn sie von dieser Hülle als von Lebenskraft oder Mangel an Lebenskraft sprechen. Der physische Körper macht sich bemerkbar, wenn irgendetwas nicht in Ordnung ist oder wenn irgendeines seiner Gelüste befriedigt wird. Die Situation ist beim Astralkörper jedoch anders, denn dieser ist für die meisten das Werkzeug der Erfahrung, und es gibt nur wenige Menschen, die nicht den größten Teil ihres bewußten Lebens damit verbringen, die Reaktionen dieses Körpers zu registrieren und zwischen den beiden Polen von Glücklichsein und Trübsal, Befriedigung und Unbefriedigtsein, Sicherheit und Zweifel, Mut und Furcht hin- und herzuschwanken. Dieses bedeutet in Wirklichkeit, daß die innewohnende Kraft und das Leben der emotionalen, empfindenden Hülle die Lebensäußerung bestimmt und die Erfahrung der inkarnierten Seele gestaltet. Deshalb ist es für uns wertvoll, etwas davon zuverstehen, was diese Kräfte sind, woher sie kommen und wie sie auf den Menschen einwirken und reagieren. Hier liegt sein Kampfplatz, und hier liegt auch der Bereich seines Sieges.
 

Teil eines größeren Ganzen

Zunächst ist es ratsam, daran zu denken, daß alle astrale Energie ein Teil der Astralenergie des Sonnensystems ist, und daß deshalb folgendes gilt:
1. Der Empfindungskörper eines Menschenwesens ist ein Substanzatom im Empfindungskörper des planetarischen Logos.
2. Der Empfindungskörper des planetarischen Logos ist ein Aspekt des Empfindungskörpers des Sonnenlogos.
3. Dieser wird seinerseits beeinflußt und durchströmt von Empfindungskräften, die von ungeheuren Energiezentren außerhalb unseres Sonnensystems ausgehen.

Wenn man das bedenkt, wird es deutlich, daß der Mensch als winziger Bruchteil eines ungeheuren Ganzen, das seinerseits in einem noch viel gewaltigeren Körper enthalten ist, der Treffpunkt von Kräften ist, die größer und mannigfaltiger sind, als sein Gehirn erkennen kann. Daher die Kompliziertheit seines Problems und die Möglichkeiten, die aus jener Bewußtseinserweiterung erwachsen, die wir Einweihung nennen. Jeder Energiestrom, der durch seinen Körper des Verlangens und empfindenden Reagierens fließt, ist nur ein Pfad, der ihn zu umfassenderen und immer mehr sich erweiternden Kontakten und Erkenntnissen führt. Darin liegt auch der Schutz für die meisten Menschen: in der Tatsache nämlich, daß sie bis jetzt noch kein Instrument besitzen, das in der Lage wäre, jene unendlichen Möglichkeiten, welche diese Erkenntniswege bieten, wahrzunehmen und festzuhalten. Solange nicht das verstandesmäßige Rüstzeug genügend erweckt ist und beherrscht wird, würde es für den Menschen nicht möglich sein, die Mitteilungen, die ihm sein Empfindungskörper übermitteln könnte, aber glücklicherweise noch nicht zuträgt, richtig auszulegen und in der rechten Weise nutzbar zu machen.

Abgesehen von dem ständigen Kreislauf planetarischer, solarer und kosmischer Energien durch seinen Ätherkörper hat jedes Menschenwesen aus dem größeren Ganzen genug Astralenergie aufgenommen, um damit einen eigenen, individuellen, abgetrennten Astralkörper zu bauen, der auf seine besondere Note anspricht, seine spezielle Qualität aufweist und seinen Besitzer je nach seinem Standort auf der Evolutionsleiter einschränkt oder nicht.

Dieser Körper bildet seinen astralen Wirkungsbereich, bezeichnet die Grenzen seiner emotionalen Reaktionsfähigkeit auf die Lebenserfahrungen, verkörpert in seiner Qualität den Spielraum seines Wunschlebens, ist aber gleichzeitig einer ungeheuren Erweiterung, Entwicklung, Anpassung und Dienstbarkeit fähig, wenn ein Impuls des Mentalkörpers und der Seele an ihn herantritt.

Dieser Astralkörper birgt in sich die Gegenstücke zu den Ätherzentren, und durch sie strömen die Kräfte und Energien in den Ätherkörper ein. Diese Zentren bringen Energien von den sieben Planeten und der Sonne zu jedem Teil des astralen Organismus und setzen so den Menschen in Verbindung mit allen Teilen des Sonnensystems. Dadurch wird das Schicksal eines Menschenlebens für so lange bestimmt, bis der Mensch zu seinem unsterblichen Erbteil erwacht ist und ein Spürvermögen bekommt für Kräfte, die bis jetzt für die große Masse noch unbekannt sind.

Das ist der Grund, warum ein Horoskop häufig in seiner Darstellung für einen unentwickelten, unerwachten Menschen ganz genau stimmt, aber ganz unrichtig und irrig ist bei einem hochentwickelten Menschen. Der Mensch ist als Masse das, wozu ihn sein Begierdenkörper macht. Später gilt: „Wie der Mensch denkt, so ist er“.

 

Die Ebene der Verblendung

Die Astralebene ist die Ebene der Illusion, der Verblendung und einer verzerrten Wiedergabe der Wirklichkeit. Der Grund hierfür ist der, daß jeder einzelne Mensch in der Welt eifrig in der Astralsubstanz wirkt, und die Kraft menschlichen Begehrens und des Weltbegehrens erzeugt jenes beständige „Ausmalen“ und Formbilden, das zu höchst konkreten Wirkungen im Astralstoff führt. Die individuellen, nationalen und rassischen Begierden, die Wünsche der Gesamtmenschheit samt dem instinktiven Verlangen aller untermenschlichen Wesen verursacht eine ständige Veränderung und Verschiebung der Substanz auf dieser Ebene; es werden kurzlebige Formen erschaffen, manche von seltener Schönheit, andere unschön und häßlich, und diese werden durch die Astralenergie ihres Schöpfers mit Lebenskraft erfüllt. Fügt zu diesen Formen noch jenes bleibende und immer umfangreicher werdende Drehbuch für den Menschheitsfilm, den wir die „Akasha-Chronik“ nennen hinzu, die mit der emotionalen Geschichte der Vergangenheit zu tun hat, fügt das Wirken der exkarnierten Wesen, die auf dem Wege zur Inkarnation oder zurück durch die Astralebene kommen, und das machtvolle, geläuterte und einsichtsvolle Verlangen aller übermenschlichen Wesen hinzu, einschließlich der okkulten planetarischen Hierarchie, und die Gesamtsumme der vorhandenen Kräfte ist riesig groß. Alle wirken auf, rundum und durch jeden Menschen, der je nach der Beschaffenheit seines physischen Körpers und nach dem Zustand seiner Zentren reagiert. Durch dieses Panorama der Illusion muß der Aspirant hindurch und den Schlüssel oder Faden finden, der ihn aus dem Irrgarten herausführt; er muß sich an jedes kleinste Bruchstück der Wirklichkeit halten, so wie es sich ihm bietet, und er muß lernen, Wahrheit von Verblendung, das Dauernde vom Unbeständigen, und die Gewißheit vom Unwirklichen zu unterscheiden.
 

Die Bedeutung der inneren Ausrichtung

Der Astralkörper mit seinen Begierden, Gelüsten, Stimmungen, Gefühlen und Sehnsüchten formt den physischen Körper durch die ihn durchströmenden Anziehungskräfte und leitet ihn so unfehlbar zur Erfüllung seiner Wünsche. Wenn das Verlangen der Empfindungsnatur vorwiegend tierisch bestimmt ist, dann formt es einen Menschen mit starken Begierden, der sein Leben damit zubringt, sie zu befriedigen. Steht das Verlangen nach Wohlbefinden und Glück, dann haben wir den Menschen mit einer sinnlichen, Schönheit und Vergnügen liebenden Veranlagung, der praktisch völlig von egoistischem Bemühen geleitet wird. So geht es durch alle die vielen Grade von guten, schlechten und gewöhnlichen Begierden hindurch, bis jene Neuorientierung stattfindet, welche die astralen Energien so „umpolt“, daß sie sich nach einer anderen Richtung wenden. Verlangen wird zu geistigem Streben. So erreicht man die Befreiung vom Rad der Geburten, und der Mensch wird erlöst von der Notwendigkeit, sich wieder zu inkarnieren.

Aspiranten müssen lernen, daß sie mit und in Kräften arbeiten und daß rechte oder falsche Tätigkeit auf der physischen Ebene einfach die Folge einer rechten oder falschen Lenkung derKräfteströmungen ist, und nicht davon herrührt, daß den Energien selbst etwas Rechtes oder Unrechtes innewohnt.

Solange sich ein Mensch mit seinem Emotionalkörper identifiziert, solange er das Leben im Sinn seiner Stimmungen und Gefühle auslegt, solange er auf Begierden reagiert, genau so lange wird er Stunden der Hoffnungslosigkeit, der Dunkelheit, der Zweifel, der schrecklichen Pein und der Depression haben. Sie sind die Folge von Illusion, von Trugbildern der Astralebene, die verzerrt, verdreht und täuscht.

Eben seine astrale Polarisation macht den Menschen für seine vielen emotionalen Reaktionen und für Wellen von Massengefühlen aller Art empfänglich. Sie ist die Ursache, daß er in jenen Strudel unkontrollierter Energien und irregeleiteter emotionaler Kräfte geschleudert wird, die sich schließlich in einem Weltkrieg, in einer finanziellen Panik, einer religiösen Erneuerungsbewegung oder einer Lynchjustiz auswirken. Sie ist auch das, was ihn auf die höchste Stufe von Fröhlichkeit und unechtem Glück erhebt, auf der das „täuschende Licht“ der Astralebene ihm falsche Quellen des Vergnügens aufdeckt, oder wo Massenheiterkeit ihn - infolge seiner Empfindlichkeit - in jenen hysterischen Zustand versetzt, der sich in zügelloser Lustigkeit Luft macht, was der Gegenpol zu hemmungslosem Weinen ist. Ich meine hier nicht den wahren Frohsinn, noch den richtigen Sinn für Humor, sondern jene hysterischen Ausbrüche von Lustigkeit, welche in der menschlichen Gemeinschaft so allgemein verbreitet sind und zur Ermüdung und Ernüchterung führen.

Die Menschheit schwingt vornehmlich in der einen oder anderen Art und Weise, und der Empfindungskörper eines durchschnittlichen Menschenwesens ist kaum jemals frei von irgendeiner Stimmung, Furcht oder Erregung. Das hat einen Zustand geschaffen, durch den das Solarplexus-Zentrum anormal entwickelt wurde. In der großen Masse der Menschen beherrschen der Solarplexus und das Sakralzentrum das Leben, und deshalb ist das Verlangen nach materiellem Leben und nach dem Sexualleben so eng verbunden.
 

Die Hinwendung zum Höheren

Wenn es einen Faktor gibt, den die Aspiranten erkennen müssen, dann ist es der, sich von der Großen Illusion zu befreien. Arjuna (Held der Bhagavad Gita, der auf dem Schlachtfeld von Kurukshetra unter Führung seiner Seele *Krishna* um Selbstverwirklichung kämpft) wußte dies und erlag doch der Verzweiflung. Aber in der Stunde der Not verließ Krishna ihn nicht, sondern legte in der Gita die einfachen Regeln nieder, wie man Depression und Zweifel überwinden kann. Sie können kurz wie folgt aufgezählt werden:
a. Erkenne dich als unsterbliches Wesen.
b. Beherrsche dein Denken, denn durch dieses Denken kann das Unsterbliche erkannt werden.
c. Lerne verstehen, daß die Form nur der Schleier ist, der den Glanz der Göttlichkeit verhüllt.
d. Erkenne, daß das Eine Leben alle Formen durchdringt, daß es also keinen Tod, kein Elend, keine Trennung gibt.
e. Löse dich deshalb von der Formseite und komm zu mir, und verweile an dem Ort, wo Licht und Leben ist. So endet die Illusion.

Wenn das Gehirn für das erwachende Denkvermögen sensitiv wird und nicht mehr so völlig mit dem Mechanismus beschäftigt ist, der die Sinneseindrücke registriert, dann ergibt sich die richtigeEinstellung, die schließlich das Bewußtsein in jene Zentren emporhebt, die oberhalb des Zwerchfells liegen. Das Sonnengeflecht wird dann wieder auf seine alte Funktion als Leitorgan des rein instinkthaft-tierischen Lebens verwiesen werden. Für den fortgeschrittenen Schüler in der Welt ist das Sonnengeflecht hauptsächlich das Organ psychischer Feinfühligkeit und wird es so lange bleiben, bis die höheren psychischen Kräfte die niederen verdrängen und der Mensch als Seele wirkt. Dann wird das Empfindungs- oder Sinnenleben unter die Schwelle des Bewußtseins sinken.

An die Stelle der Furcht muß er jenen Frieden setzen, der das Vorrecht derjenigen ist, welche immer im Licht des Ewigen leben; an die Stelle der zweifelnden Erwartung muß er jene gelassene und doch aktive Gewißheit über das letzte Ziel setzen, die sich aus einer Vision des Planes und aus dem Kontakt mit anderen Jüngern und später mit dem Meister ergibt. Verlangen nach materiellem Besitz muß dem Streben nach jenen Gütern weichen, welche die Freude der Seele sind: Weisheit, Liebe und die Kraft zum Dienen.

Quelle:Alice A. Bailey/ Djwhal Khul in „Eine Abhandlung über Weiße Magie“